Projekt abgeschlossen.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Zeitzeug/inn/en, die an diesem Projekt mitgewirkt haben und bei allen Gästen und Interessierten!

Unten finden Sie die Videoaufzeichnungen aller Veranstaltungen dieser Reihe.

FCKW, Tschernobyl, Brundtland, Kyoto, Nagoya: zum Einfluss globaler Themen auf die deutsche Umweltpolitikforschung

FCKW, Tschernobyl, Brundtland: zum Einfluss globaler Themen auf die deutsche Umweltpolitikforschung

Zur abschließenden Abendveranstaltung der Diskussionsreihe "Vom 'blauen Himmel über der Ruhr' bis zur Energiewende" am 12. Mai 2014 waren die Gäste Prof. Dr. Edda Müller, Dr. Hans-Joachim Ziesing und Prof. Dr.

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FCKW, Tschernobyl, Brundtland, Kyoto, Nagoya: zum Einfluss globaler Themen auf die deutsche Umweltpolitikforschung

Zur abschließenden Abendveranstaltung der Diskussionsreihe "Vom 'blauen Himmel über der Ruhr' bis zur Energiewende" am 12. Mai 2014 waren die Gäste Prof. Dr. Edda Müller, Dr. Hans-Joachim Ziesing und Prof. Dr. Meinhard Schulz-Baldes geladen, um die Beziehung zwischen globalen Ereignissen und deutscher Umweltpolitikforschung zu besprechen. Die wesentlichen Erkenntnisse des Abends waren der überraschend frühe internationale Einfluss auf deutsche Umweltpolitik und die starke Unabhängigkeit der umweltpolitischen Beratungsgremien in Deutschland.

Initiative durch Politik und Druck von außen

Prof. Edda Müller betonte, dass konträr zur geläufigen Meinung die Politik den Anstoß zur deutschen Umweltpolitik gab. Im Bundesinnenministerium (BMI) 1969 von Willy Brandt etabliert, verlagerte sich der Schwerpunkt der Umweltpolitik Mitte der 70er hin zum Umweltbundesamt (UBA). Dieses war damals eine nachgeordnete Behörde des BMIs. Prof. Müller arbeitete in dieser Zeit für beide Institutionen. Sie erklärte die relative Entscheidungsfreiheit des UBAs in den 70ern mit der hohen Auslastung des BMIs durch den Terror der Rote-Armee-Fraktion. Ferner hob Sie für die Schaffung von Institutionen wie dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und dem UBA die Bedeutung der Vereinten-Nationen-Umweltkonferenz 1972 von Stockholm hervor. Diese habe im Vorfeld der Konferenz neue nationale und internationale Diskussionen zum Thema Umweltpolitik ausgelöst. So spürte die Bundesregierung den "Druck", mit der Schaffung umweltpolitischer Organe auf diese internationale Entwicklung zu reagieren.

Ozon, CO2 und Stockholm vs. Rio

Die wahrlich globalen Themen, waren sich die drei Experten einig, kamen verstärkt erst im Laufe der 80er auf die Bühne. Das Ozonloch in der Atmosphäre und die drohende Gefahr eines unkontrollierbaren Klimawandels durch CO2 waren Probleme, die von der Wissenschaftsgemeinde zur Sprache gebracht wurden und die in der Folge im Fokus internationaler Konferenzen standen. Die wissenschaftlichen Gremien Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und die Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" rückten die globalen Herausforderungen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft. Prof. Schulz-Baldes betonte eine weitere Veränderung im Diskurs zu Umweltpolitik: Bei der VN-Konferenz 1992 in Rio hob man, anders als in Stockholm 1971, zusätzlich zum Umweltaspekt den Entwicklungsaspekt hervor. Nach Schulz-Baldes sei dies ein Zeichen für die zunehmende Beachtung der menschlichen Komponente des Klimawandels gewesen.

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Klimawissenschaft: klares Problem, unklare Problemlösung?

Die Problemdiagnose der Klimawissenschaftler war deutlich: Um katastrophale Folgen zu vermeiden, durfte die globale Durchschnittstemperatur nicht weiter als 2 Grad ansteigen. Prof. Schulz-Baldes zufolge stammte die "Leitplanke" der 2 Grad vom WBGU. Diese 2 Grad wurden dann in der Folge von der internationalen Gemeinschaft fälschlicherweise als "Ziel" aufgegriffen. Die Diagnose selbst allerdings verfehlte nicht ihre Wirkung, weltweit diskutierte man über Maßnahmen gegen Klimawandel. Doch die Expertenrunde stellte fest, dass der Entwurf von politisch akzeptierten Gegenmaßnahmen sich für Wissenschaftler als weitaus frustrierender gestaltete als die Diagnose. Dr. Ziesing sprach von "großer Frustration" seitens der Wissenschaftler. Prof. Schulz-Baldes brachte dies mit den Worten "Wissenschaft macht keine Politik" auf den Punkt.

Von der nationalen zur supranationalen Ebene. Umweltpolitikforschung und die Europäische Union

In der vorletzten Abendveranstaltung der Diskussionsreihe "Vom blauen Himmel über der Ruhr bis zur Energiewende" waren Prof. Dr. Eckard Rehbinder und Dr. Christian Hey als Diskussionsgäste geladen. Thema der Veranstaltung war der Wandel der Umweltpolitik von einem nationalen Politikfeld zu einem supranational-europäischen Politikfeld.

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Von der nationalen zur supranationalen Ebene. Umweltpolitikforschung und die Europäische Union

In der vorletzten Abendveranstaltung der Diskussionsreihe "Vom blauen Himmel über der Ruhr bis zur Energiewende" waren Prof. Dr. Eckard Rehbinder und Dr. Christian Hey als Diskussionsgäste geladen. Thema der Veranstaltung war der Wandel der Umweltpolitik von einem nationalen Politikfeld zu einem supranational-europäischen Politikfeld. Kontrovers diskutiert wurde dabei die zukünftige Rolle der European Environment and Sustainable Development Advisory Councils (EEAC; dt.: Europäisches Netzwerk von Umwelt- und Nachhaltigkeitsräten) in der europäischen Umweltpolitik.

Sowohl Dr. Hey als aktueller Generalsekretär des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) als auch Prof. Rehbinder als langjähriger Vorsitzender des SRUs gehören zu den führenden Umweltpolitikexperten in Deutschland. Prof. Rehbinder hat über viele Jahre an der Goethe-Universität in Frankfurt zu den juristischen Fragen der Europäisierung des Umweltrechts geforscht und beraten. Dr. Hey war im Laufe seiner "europäischen Karriere" unter anderem Politischer Direktor des Europäischen Umweltbüros in Brüssel und Gründungsmitglied des Instituts für regionale Studien in Europa (EURES).

Prof. Rehbinder wurde 1998 der erste Vorsitzende des EEAC und wusste dementsprechend um die Umstände der Entstehung. Nach dem "Scheitern" des von der EU-Kommission einberufenen umweltpolitischen Beratungsorgans, dem "European Consultative Forum on the Environment and Sustainable Development", sei es auf die Initiative von verschiedenen Umwelträten zur Formierung des EEAC gekommen. Erfolg hatte der EEAC bei der Schaffung neuer Perspektiven für die verschiedenen Umwelträte, allerdings konnte das Ziel einer durchsetzungsfähigen europäischen Umweltlobbygruppe nicht erfüllt werden. Dr. Hey konnte dies aus seiner gegenwärtigen Tätigkeit als Schatzmeister des EEAC bestätigen. Ihm zufolge sei der EEAC als Akteur in Brüssel gescheitert, was unter anderem auf die Heterogenität der verschiedenen Rätestrukturen zurückzuführen sei.

Weiterhin berichtete Dr. Hey aus seiner Zeit beim Öko-Institut in Freiburg. Hier habe er versucht, eine umweltpolitische Debatte zu Europa anzustoßen, doch wurde diese nicht recht aufgenommen. Politische und ökonomische Herausforderungen wurden nach Dr. Hey am naturwissenschaftlich-technischen Öko-Institut noch nicht beachtet. Neben der wenig sozialwissenschaftlichen Ausrichtung der jungen Umweltinstitute war es zudem die mangelnde europaweite Institutsvernetzung, die im Vergleich zur heutigen Situation das geringe Interesse für europäische Fragen in den 1980er Jahren erklären könne. Ein Auslöser des zunehmenden Interesses an europäischen Umweltfragen sei nach Dr. Hey zweifellos die Einheitliche Europäische Akte von 1986 gewesen.

Ferner fügte Dr. Hey zum Problem der mangelnden Beteiligung der Öffentlichkeit an EU-Entscheidungsprozessen an, dass die Zivilgesellschaft zwar keinen Einfluss auf die Verhandlungen selbst hätten, dafür aber beispielsweise das heutige Festhalten der Großen Koalition an einer "ambitionierten Umweltaußenpolitik" auf "soziale Bewegungen" der Gegenwart und der Vergangenheit zurückzuführen sei.

Im Anschluss an die Paneldiskussion wurden mit dem Publikum noch folgende Themen und Fragen diskutiert:

  • Welchen Stellenwert besitzt Klimaschutz in der Forschung von deutschen Umweltpolitikinstituten?
  • Ist die EU ein Hindernis für innovative Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle?
  • Welchen Einfluss kann die europäische Öffentlichkeit auf das Transatlantische Freihandelsabkommen nehmen?

Raus aus dem Elfenbeinturm. Umweltforschungsinstitute und die Zivilgesellschaft

In der fünften Veranstaltung der Reihe „Vom ,blauen Himmel über der Ruhr‘ bis zur Energiewende“ waren am 4. Dezember 2013 Prof. Dr. Dieter Rucht und Dr. Thomas Jahn in das Ecologic Institut geladen, um über das Verhältnis zwischen Umweltpolitikforschung und der Zivilgesellschaft zu diskutieren.

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Raus aus dem Elfenbeinturm. Umweltforschungsinstitute und die Zivilgesellschaft

In der fünften Veranstaltung der Reihe „Vom ,blauen Himmel über der Ruhr‘ bis zur Energiewende“ waren am 4. Dezember 2013 Prof. Dr. Dieter Rucht und Dr. Thomas Jahn in das Ecologic Institut geladen, um über das Verhältnis zwischen Umweltpolitikforschung und der Zivilgesellschaft zu diskutieren.

Dr. Thomas Jahn ist Sprecher der Institutsleitung und Mitbegründer des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und gehört damit seit der Gründung des ISOE 1986 zu den führenden Köpfen der Umweltpolitikforschung. Mit Prof. Rucht, ehemals am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und am Institut für Soziologie an der Freien Universität Berlin, war ein Experte für die Forschung über soziale Bewegungen und politischen Protest anwesend.

Prof. Rucht war als Vorstandsmitglied des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. in den späten siebziger Jahren wesentlich an der damaligen Umweltbewegung beteiligt. Er beleuchtete den Zusammenhang zwischen den Umweltbewegungen bzw. der Anti-Atomkraftbewegung und den ersten Forschungs- und Beratungsinstituten für Umweltpolitik. In der staatlichen Bürokratie und in der Wissenschaft gab es zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich Atomkraftbefürworter, woraufhin Elemente der Widerstandsbewegung zu dem Schluss kamen, dass eine „Gegenexpertise“ entwickelt werden müsste.

Dr. Jahn erlebte die Proteste gegen das Atomkraftwerk in Wyhl in Freiburg als Student. Er beschrieb, wie sich durch den Konflikt insbesondere das Verhältnis zwischen der lokalen Bevölkerung und den atomkraftkritischen Studenten wandelte. Er erklärte, dass der Widerstand gegen das Kraftwerk Wyhl zu Beginn nicht durch eine grundsätzliche Ablehnung der Atomkraft motiviert war, sondern vielmehr die Eigeninteressen der Umlandbewohner, ob Weinbau oder Viehzucht, entscheidend waren. Als die ländlichen Bewohner realisierten, dass die eher „alternativen“ Studenten ihnen bei der Bekämpfung des AKWs in wissenschaftlichen Fragen behilflich sein konnten, schrumpfte die kulturelle Distanz zwischen den beiden Gruppen, sie wurden vereint durch die ihnen gemeinsame Ablehnung des AKWs.

Infolge der Anekdoten aus der Freiburger Region bemerkte Prof. Rucht, dass regionale Netzwerke eine große Rolle bei der Entstehung von Bewegungen im Allgemeinen spielen. Es wurden jedoch auch Unterschiede des Bereichs Umweltbewegung – Umweltforschung im Vergleich zu anderen Politikbereichen diskutiert. So gibt es beispielsweise im Bereich Umweltpolitkforschung und -beratung eine größere Dichte an unabhängigen Forschungsinstituten, als in den meisten anderen Politikfeldern. Über die Ursachen herrschten unter beiden Experten geteilte Meinungen: Prof. Rucht führte die hohe Komplexität von Umweltthemen und die daraus resultierende Notwendigkeit einer fachlichen Fundierung sowie die frühe Präsenz der Grünen Partei als besondere Merkmale der deutschen Umweltpolitik auf. Dr. Jahn hingegen hob eher den damaligen Zeitgeist heraus, der den Widerstand gegen Technisierung und damit eine höhere Wertschätzung von Ökologie beinhaltete. In diesem Zusammenhang wurde auch der Frage nachgegangen, warum sich die Umweltpolitikinstitute in Deutschland meist gut entwickelt haben. Eine der Thesen stellte auf eine sozio-kulturelle Eigenart der Deutschen ab: tendenziell neigten die Deutschen dazu, lose Strukturen durch Vereinsbildung zu verfestigen. Dies wirke in unruhigen Zeiten als Stabilitätsgarant.

In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem folgende Fragen diskutiert:

  • Ist Nachhaltigkeit ein zukunftsfähiges Konzept?
  • Was bedeuten die Institute heute noch?
  • Ist der Begriff „Zivilgesellschaft“ in seinem heutigen Gebrauch angemessen bzw. geeignet?

Wie füreinander gemacht? Die Umweltpolitikforschung und der Staat

Thema der vierten Veranstaltung der Reihe ,"Vom 'blauen Himmel über der Ruhr' bis zur Energiewende" war das Verhältnis zwischen Staat und Umweltpolitikforschung. Als Gäste durfte das Ecologic Institut Prof. Dr. Rolf Kreibich und Dr. Hendrik Vygen begrüßen.
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Wie füreinander gemacht? Die Umweltpolitikforschung und der Staat

Thema der vierten Veranstaltung der Reihe ,"Vom 'blauen Himmel über der Ruhr' bis zur Energiewende" war das Verhältnis zwischen Staat und Umweltpolitikforschung. Als Gäste durfte das Ecologic Institut Prof. Dr. Rolf Kreibich und Dr. Hendrik Vygen begrüßen.

Während Prof. Kreibich als ehemaliger und langjähriger wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) die Seite der Umweltpolitikforschung vertrat, konnte Dr. Vygen, Ministerialdirektor a.D., als ehemaliger Referatsleiter von Abteilungen sowohl des Bundesministerium des Innern (BMI) als auch des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) die staatliche Sicht darstellen.

Förderung lokaler Umweltinitiativen als Gegengewicht zu industriellen Lobbygruppen

Laut Dr. Vygen ging es den Umweltbehörden in den 1980er Jahren um die Förderung von lokalen Umweltinitiativen, die langfristig zu einer festen Lobby anwachsen sollten, als Gegengewicht zu industriellen Lobbygruppen. Das BMU sah schon früh Umweltforschungsinstitute als eine Bereicherung für die Wissensbasis zur Lösung umweltpolitischer und –technischer Fragen an. Gleichwohl hob Dr. Vygen heraus, dass Umweltlobbygruppen und Umweltforschungsinstitute bis heute einen geringeren Einfluss auf Entscheidungen des BMU ausüben können als die Industrielobby auf Entscheidungen des Bundeswirtschaftsministeriums.

Eine Kultur des transdisziplinären Forschens und Denkens

Als Prof. Dr. Kreibich nach seiner Amtszeit (1969-1976) als Präsident der Freien Universität Berlin (FU Berlin) die Direktoren- und Geschäftsführerposition des Instituts für Zukunftsforschung in Berlin übernahm, hatte der gelernte Physiker und Mathematiker das Ziel, am Institut eine Kultur des transdisziplinären Forschens und Denkens zu etablieren. Dies stellte einen Bruch mit der herkömmlichen Wissenschaftstradition in Deutschland dar, die wesentlich von den vergangenen Erfolgen der deutschen Naturwissenschaft geprägt war und daher den Blick auf die weniger deterministischen Sozialwissenschaften vernachlässigte. Vorbild war hierbei das 1972 vom US-Kongress einberufene "Office of Technology Assessment" (OTA), ein Beratungsgremium der amerikanischen Legislative in technischen und wissenschaftlichen Fragen.

"Gefälligkeitswissenschaft" und "Maulkorberlass"

Die Frage der Unabhängigkeit der Wissenschaft gegenüber dem Staat bzw. dem Auftraggeber stellte einen Kernpunkt der Diskussion dar. Prof. Dr. Kreibich bedauerte bedenkliche Entwicklungen hin zu "Gefälligkeitswissenschaft" und beschrieb einen praktischen Fall, in denen das IZT das fragliche Gutachten überprüft hatte und zu gänzlich anderen Ergebnissen kam. Dr. Vygen konnte dies anhand seiner Erfahrungen im Dienste des Staates nur bestätigen. Als Lösung für dieses Problem betonten beide Experten die saubere und nachvollziehbare Anwendung wissenschaftlicher Methoden. Des Weiteren sollte auch die Transparenz über den Auftraggeber gewährleistet werden, um Gefälligkeitswissenschaft Vorschub zu leisten.

Die Rolle des Umweltbundesamtes (UBA) in der Entwicklung von kritischer Umweltforschung wurde von beiden Experten als positiv und wichtig eingestuft. Dr. Vygen wusste aus seiner Zeit beim BMI zu berichten, dass das UBA unabhängig agierte. Die proaktive Rolle des UBA führte im Laufe der Zeit zu einigen Verstimmungen auf Seiten der Umweltpolitiker des BMI und später BMU – einige forderten gar einen "Maulkorberlass". Doch in der Gesamtschau werteten die Ministerien den Einsatz des UBA für die Umwelt immer positiv. Die Aufträge, die das UBA an unabhängige, kritische Forschungsinstitute vergab, trieben die Entwicklung der Umweltforschung voran. Die klare Positionierung des UBA ließ sich nach beiden Experten immer auch mit den starken Persönlichkeiten der UBA-Präsidenten erklären.

Umweltthemen der Zukunft

Abschließend gaben Prof. Kreibich und Dr. Vygen einen Ausblick auf Umweltthemen, die in Zukunft an Brisanz gewinnen würden. Während Prof. Kreibich neben der Erwähnung von Ressourcenschonung bzw. –rückgewinnung und Wasserpolitik insbesondere die negativen Auswirkungen auf die Umwelt durch rücksichtslose Finanzgeschäfte anprangerte, sah Dr. Vygen die Felder der Biodiversität und Landwirtschaft als entscheidende umweltpolitische Felder an. Beide waren sich einig, dass die Europäische Union (EU) ihre bisherige Vorreiterrolle in Umweltpolitik weiter erhalten und ausbauen müsse und dass insbesondere Deutschland hier nicht bremsen dürfe. Deutschland sollte auf europäischer und globaler Ebene eine größere Verantwortung übernehmen.

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden unter anderem folgende Fragen diskutiert:

  • Schwache Verbindung der deutschen Umweltpolitik (forschung) zu Europa
  • Die erweiterte Unabhängigkeitsfrage: inwieweit beeinflusst die Überzeugung die Wissenschaft?
  • Gibt es eine „Sättigung“ der Institute, da dramatische Umweltprobleme meist in anderen Ländern vorkommen?
  • Lobbyismus ist nicht gleich Lobbyismus: Lobbyismus vs. gemeinwohlgeleitete Arbeit durch Umweltforschungsinstitute

 

Die Umweltpolitik wird erwachsen: Die 1980er Jahre

In der dritten Veranstaltung der Reihe „Vom ‚blauen Himmel über der Ruhr‘ bis zur Energiewende“ diskutierten Dr. Volker Hauff, Bundesminister a.D. und Michael Sailer (Öko-Institut) über die Konsolidierung der Umweltforschungsinstitute in den 80er Jahren.

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Die Umweltpolitik wird erwachsen: Die 1980er Jahre

In der dritten Veranstaltung der Reihe „Vom ‚blauen Himmel über der Ruhr‘ bis zur Energiewende“ diskutierten Dr. Volker Hauff, Bundesminister a.D. und Michael Sailer (Öko-Institut) über die Konsolidierung der Umweltforschungsinstitute in den 80er Jahren.

Dr. Volker Hauff war von 1978 bis 1980 Bundesminister für Forschung und Technologie und von 1980 bis 1982 Bundesminister für Verkehr unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. In dieser Zeit sowie in den Folgejahren in der Opposition konnte er die frühe Zusammenarbeit des Staates mit der kritischen Umweltforschung nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten. Michael Sailer, heute Sprecher der Geschäftsführung am Öko-Institut und seit 1980 am Institut hat diese Entwicklung aus Sicht der Umweltinstitute erlebt.

Im Gespräch tauschten sich die beiden Experten zunächst über das damals vorherrschende Misstrauen auf beiden Seiten aus. Auf staatlicher Seite gab es zum einen nüchterne Bedenken bezüglich der administrativen Kompetenz der neuen Institute. Als eher ideologisch motiviert dürfte die Vergabe von „Alibiforschung“ zu werten sein, die teilweise durch staatliche Stellen vorgenommen wurde. Doch auch auf Seiten der Umweltinstitute gab es teilweise großes Misstrauen, einige kritische Stimmen verurteilten bereits den Versuch mit dem Staat zu kooperieren als korrupt.

Im Laufe der achtziger Jahre normalisierte sich das Verhältnis, wenn auch die Jahre unter der Regierung Kohl keine einfache Zeit für die kritischen Umweltforscher waren. Die Staatsvertreter, aber auch die kritischen Umweltforscher lernten, dass sich der Dialog mit der anderen Seite lohnte, wollte man gute Umweltgesetzgebung voranbringen.

Der Kompetenzaufbau innerhalb der kritischen Umweltforschung tat sein übriges. In inhaltlichen Fragen, beispielsweise zur Reaktorsicherheit, kam man bald nicht mehr am Öko-Institut vorbei. Nach der Tschernobyl Katastrophe war das Öko-Institut ein wichtiger Ansprechpartner für die staatliche Seite. Zudem entwickelte sich das Öko-Institut Mitte der achtziger Jahre in eine transdisziplinäre Richtung. Die Stärkung der sozialwissenschaftlichen Kompetenz half dem Institut die Akteure und ihre Spielräume besser zu verstehen und so Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen, um technisches Wissen zu transportieren. Das Öko-Institut lernte „wie Staat funktioniert“.

Die Phase des Erwachsenwerdens wurde auch durch das Kreuzen der Lebenswege von Dr. Hauff und Michael Sailer beeinflusst: In einer Anhörung zu Reaktorsicherheit versicherte der damalige Bundesminister Hauff: „Wir würden auch Anträge von Kritikern befürworten, aber wir bekommen keine“. Dies weckte den Ehrgeiz bei Michael Sailer und seinem Kollegen Lothar Hahn: „Das versuchen wir jetzt“. In der Tat hat das Öko-Institut in der Folge einen BMBF Auftrag erhalten, der eine wichtige Grundlage zur Stabilisierung des Instituts wurde. Die Lesart von Dr. Hauff, dass das BMBF den Aufbau des Öko-Institut mit forciert habe, teilte Michael Sailer jedoch nur eingeschränkt. So beurteilte Michael Sailer den durch das BMBF angestoßenen „Bürgerdialog“ als positiven Schritt in Richtung Zusammenarbeit, doch hat das Institut in der Anfangszeit starken Gegenwind verspürt.

Beide Experten sahen eine scharfe Lernkurve auf beiden Seiten und betonten die Bedeutung von Transdisziplinarität sowohl für Politik als auch Wissenschaft um Umweltthemen voranzubringen.

Anschließend an das Expertengespräch wurde eine Fragerunde eröffnet. Diskutiert wurde über folgende Themen:

  • (Un)möglichkeit der Förderung der kritischen Institute in der Anfangsphase („politischer Selbstmord“)
  • Die Ausnahmestellung der Umweltpolitik im Vergleich zu anderen Politikfeldern in denen weniger Vielfalt bei der Beratung herrscht
  • Die Bedeutung von Umweltkrisen für die Entwicklung von Umweltpolitik und welche Folgen dies für „schleichende Krisen“ wie den Klimawandel hat
  • Vor- und Nachteile von Grundförderung für unabhängige Institute

Von der Forschungs-WG zu Eckpfeilern deutscher Umweltforschung – die ersten Umweltforschungsinstitute Deutschlands

Dr. Ulrich Höpfner und Prof. Dr. Martin Jänicke blickten am 29. Mai 2013 im Ecologic Institut in Berlin auf die Anfänge der Umweltpolitikforschung in Deutschland zurück. Das Zeitzeugengespräch thematisierte besonders die Entstehung verschiedener unabhängiger Umweltforschungsinstitute. Moderiert wurde die Veranstaltung von R. Andreas Kraemer.

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Von der Forschungs-WG zu Eckpfeilern deutscher Umweltforschung – die ersten Umweltforschungsinstitute Deutschlands

Dr. Ulrich Höpfner und Prof. Dr. Martin Jänicke blickten am 29. Mai 2013 im Ecologic Institut in Berlin auf die Anfänge der Umweltpolitikforschung in Deutschland zurück. Das Zeitzeugengespräch thematisierte besonders die Entstehung verschiedener unabhängiger Umweltforschungsinstitute. Moderiert wurde die Veranstaltung von R. Andreas Kraemer.

Dr. Ulrich Höpfner hat das Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) 1978 mit gegründet und war von 1978 bis 2009 Vorstand bzw. Geschäftsführer. Prof. Dr. Martin Jänicke ist Gründungsdirektor des Forschungszentrums für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin, welches er auch viele Jahre leitete.

Der Konflikt um die kritische Umweltwissenschaft wurde von den Experten als Teil des Konflikts um die Freiheit der Wissenschaft  als solche gesehen, die sich laut Dr. Höpfner maßgeblich aus der Studentenbewegung speiste. "Kernenergie war so breit akzeptiert, dass man in der Wissenschaft kaum Kernenergie kritische Wissenschaftler hatte", kommentierte Dr. Höpfner. Während der Bürgerproteste gegen das Atomkraftwerk (AKW) Wyhl ab 1973 wurde der Bedarf an kritischer Wissenschaft deutlich. Die Umweltbewegungen fragten die Universitäten Heidelberg und Freiburg an, wo sich Studentengruppen mit diesen Themen befassten. An der Universität Heidelberg war das "Tutorium Umweltschutz" – eine aus etwa 50 Studenten und Doktoranden bestehende Gruppe, aktiv. Das Tutorium erarbeitete Gutachten, die wissenschaftliche Mängel in den Gutachten für Atomenergie offenlegten und traten in gerichtlichen Verfahren als Experten für die Umweltbewegungen auf. Im Fall Wyhl führten diese Verfahren zunächst zu Verzögerungen im Bau und der Erhöhung von Sicherheitsauflagen und damit Kosten. Das AKW Wyhl erhielt schlussendlich keine Betriebsgenehmigung.

Durch diesen öffentlichkeitswirksamen Prozess zogen die jungen Wissenschaftler den Unmut der Universitäten und der etablierten Wissenschaft auf sich. Dr. Höpfner berichtete von Hausverboten an der Universität und Versuche rechtlich gegen die Studentengruppen vorzugehen, da die Universitäten um ihren Ruf bangten. Bald wurde die Loslösung von den Universitäten vollzogen. 1977 gründete die Freiburger Studentengruppe das Öko-Institut. Das Tutorium Umweltschutz gründete 1978 das Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU). Thematisch beschäftigen sich die beiden Institute mit Reaktorsicherheit, Auswirkung der Radioaktivität auf den Menschen und die Umwelt und die Problematik der Endlagerung.

Prof. Dr. Jänicke arbeitete zu dieser Zeit am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, welches trotz des damals starken linken Profils Teil des klassischen universitären Betriebs war. Prof. Jänicke betonte die starren disziplinär bedingten Ideologien: "Wenn man Ökonom war, war man gegen Umweltschutz.  Die kritischen Wissenschaft entstand nicht an den Universitäten".  Die Auseinandersetzung zwischen der etablierten und der kritischen Wissenschaft wurde als Gegensatz zwischen "'seriöser' und 'umstrittener' Wissenschaft" dargestellt, in der die kritischen Wissenschaftler massiv diskreditiert wurden. "Man zahlte einen hohen Preis für diesen Einsatz" konstatierte Prof. Jänicke. Dies gelte insbesondere für die Wissenschaftler der unabhängigen Institute, doch war auch innerhalb der Universitäten eine Tatsache. In der Rückschau werteten jedoch beide Experten die so gewonnene Glaubwürdigkeit als besonderen Lohn dieser Arbeit.

Erst in den achtziger Jahren kamen auch die Universitäten in Bewegung. Einige Tage vor Tschernobyl 1986 wurde die Forschungsstelle für Umweltpolitik (FFU) an der Freien Universität Berlin gegründet. Prof. Dr. Jänicke erinnert sich an eine Ausschreibung des Wirtschaftsministeriums kurz nach Tschernobyl zu der Fragestellung, ob man aus der Atomenergie aussteigen könnte. Laut Jänicke erwartete das Ministerium ein Gutachten eines atomenergiefreundlichen Institutes, aufgrund der kurzen Fristen und des Zeitpunktes der Ausschreibung kam es jedoch nur zu Gutachten seitens des kohlefreundlichen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung sowie der FFU, die beide argumentierten, dass ein Austritt aus der Atomenergie möglich sei. Besonders da dies ins Sommerloch im August fiel, kam es zu einer großen Presseresonanz, obgleich Umweltthemen zu diesem Zeitpunkt nur marginal von den Medien behandelt wurden.

Dies zeigt, dass sich zwischen den 70ern und 1986 eine wissenschaftliche Basis  für atomkritische Politikberatung gebildet hatte, die dazu fähig war ein Gutachten von solch einer Qualität und Durchschlagkraft zu verfassen.

Auf den Spuren ost- und westdeutscher Identitäten in der wissenschaftsbasierten Umweltpolitikberatung

Prof. Dr. Simonis und Michael Zschiesche begaben sich am 20. März 2013 im Ecologic Institut Berlin "Auf die Spuren ost-  und westdeutscher Identitäten in der wissenschaftsbasierten Umweltpolitikberatung". In dem Zeitzeugengespräch wurden vor allem die Unterschiede zwischen Ost und West deutlich, auch wenn die Anfänge der Institutionalisierung von Umweltpolitik ähnlich scheinen.

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Auf den Spuren ost- und westdeutscher Identitäten in der wissenschaftsbasierten Umweltpolitikberatung

Prof. Dr. Simonis und Michael Zschiesche begaben sich am 20. März 2013 im Ecologic Institut Berlin "Auf die Spuren ost-  und westdeutscher Identitäten in der wissenschaftsbasierten Umweltpolitikberatung". In dem Zeitzeugengespräch wurden vor allem die Unterschiede zwischen Ost und West deutlich, auch wenn die Anfänge der Institutionalisierung von Umweltpolitik ähnlich scheinen.

In Westdeutschland wurde 1971 das erste Umweltaktionsprogramm der Bundesregierung verabschiedet. Im selben Jahr wurde der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und kurz darauf, 1974, das Umweltbundesamt (UBA) gegründet. In der DDR wurden ebenfalls in den siebziger Jahren erste umweltpolitische Institutionen und Programme geschaffen. Bereits 1970 wurde das Landeskulturgesetz eingeführt, 1971 wurde das Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft geschaffen. Auf dem Papier war die Gesetzeslage zeitweilig fortschrittlicher als in der BRD. Michael Zschiesche betonte jedoch, dass die Gesetze mangelhaft kontrolliert, umgesetzt und in die Zivilgesellschaft eingebettet waren.

In der BRD entstanden in den siebziger Jahren die ersten unabhängigen oder alternativen wissenschaftlichen Institute. Diese Institute lieferten der Umweltbewegung den wissenschaftlichen Unterbau für ihren Protest. Sie setzten sich durch ihre kritische Haltung von der klassischen universitären Wissenschaft ab, die zu diesem Zeitpunkt noch stark technologiefreundlich und industrienah war.

Die Gründung unabhängiger Institute war in der DDR verboten. In Ostdeutschland kam die kritische Umweltwissenschaft daher erst mit dem Fall der Mauer auf. Angesichts gravierender Umweltverschmutzungen entwickelte sich jedoch bereits früh eine Umweltbewegung. Diese Bewegung ist gleichzeitig politischer und weniger politisch als die Umweltbewegung in der BRD: Das Protestverhalten der Umweltbewegung war deutlich schwächer als das der westdeutschen Umweltschützer. Gleichzeitig verbarg sich in der ostdeutschen Bewegung oftmals der politische Protest gegen das System als solches, dessen Defizite auch im Umweltbereich zum Tragen kamen: So führte beispielsweise die Geheimhaltung von Umweltinformationen in der DDR zu einer Auseinandersetzung zwischen Zivilgesellschaft und Staat.

Bezüglich der gegenwärtigen Entwicklungen zogen Prof. Dr. Simonis und Michael Zschiesche eine gemischte Bilanz. Prof. Dr. Simonis sieht in der Existenz des SRU und Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) als staatlich geförderte, aber freie Räte ein einzigartiges Charakteristikum der deutschen wissenschaftlichen Umweltpolitik, die durch die unabhängigen Institute ergänzt werden. Allerdings müsse der Einfluss der Wissenschaft gestärkt werden. Prof. Dr. Simonis: "Selbst wenn man Wissenschaft etabliert (...), muss das gesellschaftlich noch nicht sonderlich viel bedeuten. Wie stark wird denn Politik überhaupt von Wissenschaft beeinflusst?".  Beide Experten sprachen sich daher für eine stärkere Einbeziehung der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft in die Umweltpolitik aus, die nicht zuletzt durch eine stärkere Aufmerksamkeit der Medien unterstützt werden müsse.

Prof. Dr. Udo Ernst Simonis ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und war dort über viele Jahre Direktor des Internationalen Instituts für Umwelt und Gesellschaft (IIUG). Michael Zschiesche ist Vorstandssprecher und geschäftsführender Vorstand des Unabhängigen Instituts für Umweltforschung (UfU), dem einzigen unabhängigen Umweltinstitut mit Wurzeln in der DDR Umweltbewegung.